Perfektionismus im Job aus psychologischer Perspektive: Was hinter dem Wunsch nach Perfektion steckt

Redaktion
Redaktion, 08.10.2026

Du hast Deine Arbeit kontrolliert. Alles stimmt. Trotzdem schaust Du lieber noch einmal nach. Vielleicht ein zweites, drittes oder sogar viertes Mal. Sorgfalt ist im Job eine Stärke. Aber irgendwann stellt sich die Frage: Will ich wirklich noch etwas verbessern – oder will ich vor allem sicher sein, dass mir niemand einen Fehler vorwerfen kann?

Genau hier setzt die psychologische Perspektive auf Perfektionismus an. Bei einer Kundenveranstaltung unserer cleo-Niederlassung Offenburg zum Thema „Perfektionismus – Anspruch, Antrieb oder Belastung?“ betrachteten drei Referenten das Thema aus Kulturwissenschaft, Psychologie und Medizin. In diesem Beitrag geht es um die Gedanken des Psychologen Andreas Thurau – und darum, was hinter unserem Wunsch nach Perfektion stecken kann.

 

Hohe Ansprüche sind erst einmal eine Stärke

Andreas machte deutlich, dass Qualität und Präzision tief im deutschen Selbstbild verankert sind – vom Handwerk über Facharbeit und Ingenieurskunst bis zur Medizin. Hohe Ansprüche gelten deshalb zu Recht oft als Stärke. Wer sorgfältig arbeitet, Verantwortung übernimmt und ein gutes Ergebnis abliefern möchte, bringt wichtige Eigenschaften für den Berufsalltag mit.

Problematisch wird es nicht automatisch, nur weil jemand besonders genau arbeitet. Entscheidend ist vielmehr, warum wir so hohe Ansprüche an uns selbst stellen. Geht es darum, besser zu werden und die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln? Oder vor allem darum, Fehler, Kritik und Unsicherheit zu vermeiden?

Andreas stellte hier zwei unterschiedliche Haltungen gegenüber: die Wachstumsorientierung und die Defizitorientierung. Bei der Wachstumsorientierung steht die eigene Entwicklung im Vordergrund. Wir wollen lernen, besser werden und ein möglichst gutes Ergebnis erreichen. Bei der Defizitorientierung liegt der Fokus stärker auf dem, was schiefgehen könnte. Der Gedanke dahinter lautet eher: Bloß keinen Fehler machen, bloß nicht negativ auffallen.

 

Wenn Perfektion Sicherheit geben soll

Gerade diese zweite Haltung kann zu einer Art Schutzstrategie werden. Wer erlebt hat, dass Fehler schnell Kritik, Ärger oder Ablehnung auslösen, kann mit der Zeit lernen: Wenn ich alles perfekt mache, bin ich auf der sicheren Seite. Dann geht es nicht mehr nur darum, eine Aufgabe gut zu erledigen. Perfektion soll auch verhindern, dass wir uns angreifbar oder unsicher fühlen.

Das kann erklären, warum wiederholtes Kontrollieren manchmal so schwer zu stoppen ist. Andreas erklärte, dass dabei auch unser Belohnungssystem eine Rolle spielen kann. Wer noch einmal prüft und keinen Fehler findet, erlebt kurzfristig Erleichterung. Dabei kann Dopamin ausgeschüttet werden – ein Botenstoff, der unter anderem mit Motivation und Belohnung zusammenhängt. Dieses gute Gefühl kann dazu führen, dass wir beim nächsten Mal wieder kontrollieren.

So wird aus dem zweiten und dritten Kontrollblick irgendwann der achte oder zehnte. Doch mehr Kontrolle bedeutet nicht automatisch mehr Qualität. Irgendwann kosten die weiteren Kontrollen vor allem Zeit und Energie, ohne dass sich das Ergebnis wirklich verbessert.

 

Qualität ist nicht dasselbe wie Fehlerfreiheit

Die Lösung kann natürlich nicht sein, die eigenen Ansprüche einfach aufzugeben. Auch das würde auf Dauer nicht zu guter Arbeit führen. Viel wichtiger ist die Frage: Welche Qualität braucht diese konkrete Aufgabe wirklich?

Manche Tätigkeiten verlangen höchste Präzision. Bei anderen kann ein Ergebnis sehr gut und überzeugend sein, auch wenn theoretisch noch etwas verbessert werden könnte. Ein Sicherheitscheck braucht zum Beispiel einen anderen Maßstab als der erste Entwurf einer Idee. Auch im Arbeitsalltag hilft es deshalb, nicht jede Aufgabe mit demselben Anspruch an absolute Fehlerfreiheit anzugehen.

Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied: Qualität bedeutet nicht automatisch, dass etwas in jedem Detail makellos sein muss. Manchmal zeigt sich Qualität auch darin, eine Aufgabe rechtzeitig abzuschließen, eine Entscheidung zu treffen oder den nächsten Schritt zu gehen.

 

Du bist mehr als Dein Beruf

Ein weiterer Gedanke von Andreas geht noch etwas tiefer: Wie stark hängt unser Selbstbild eigentlich an unserem Beruf? Wer den eigenen Wert sehr stark daran knüpft, im Job alles richtig zu machen, erlebt einen Fehler vielleicht schneller als persönliches Versagen.

Dabei bist Du nicht nur Deine Berufsbezeichnung, Deine Leistung oder Dein Lebenslauf. Du hast unterschiedliche Rollen, Erfahrungen, Fähigkeiten und Interessen. Ein Fehler bei der Arbeit sagt deshalb nicht automatisch etwas darüber aus, wie gut oder wertvoll Du als Mensch bist.

Gerade im Berufsleben kann diese Unterscheidung entlasten. Fehler gehören zu Entwicklung dazu. Wer etwas Neues lernt, kann nicht von Anfang an alles perfekt beherrschen. Und wer sich weiterentwickeln möchte, muss manchmal auch aushalten, dass noch nicht alles genau so klappt, wie man es sich wünscht.

 

Wann bremst Dich der eigene Anspruch bei der Jobsuche?

Bei einer Bewerbung schauen wir oft besonders kritisch auf uns selbst. Vielleicht erfüllst Du viele Anforderungen einer Stelle – konzentrierst Dich aber vor allem auf die wenigen Punkte, die Dir noch fehlen. Aus „Das könnte zu mir passen“ wird dann schnell „Dafür bin ich noch nicht gut genug“.

Gerade hier hilft der Gedanke der Wachstumsorientierung: Nicht alles, was Dir heute noch fehlt, spricht gegen Dich. Manche Fähigkeiten kannst Du lernen, andere mit der Zeit weiterentwickeln. Bei cleo schauen wir deshalb nicht nur darauf, was Du bereits kannst, sondern auch darauf, welche Stärken Du mitbringst und in welche Richtung Du Dich beruflich entwickeln möchtest.

Die psychologische Perspektive zeigt am Ende also vor allem eines: Entscheidend ist nicht nur, wie hoch unsere Ansprüche sind, sondern warum wir sie an uns stellen. Wollen wir uns weiterentwickeln und gute Arbeit leisten – oder geht es vor allem darum, Fehler und Kritik um jeden Preis zu vermeiden? Und genau hier stellt sich die nächste Frage: Führt das maximal mögliche Ergebnis auch immer zur tatsächlich besten Lösung? Im dritten Teil unserer Blogreihe zum Thema Perfektionismus greift Dr. Dieter Nahberger diese Überlegung aus medizinischer Sicht auf.

 

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