Perfektionismus im Job aus kulturwissenschaftlicher Perspektive: Wann ist gut gut genug?

Redaktion
Redaktion, 01.10.2026

„Das ist perfekt.“ Ein Satz, den wir meistens gern hören. Er klingt nach Qualität, nach einem Ergebnis, bei dem einfach alles stimmt. Bei einem Produkt wünschen wir uns genau das – als Nutzer genauso wie als Unternehmen.

Bei Menschen klingt es plötzlich anders. „Der ist ganz schön perfektionistisch“ kann zwar Anerkennung sein, bekommt aber schnell einen kritischen Unterton. Wir denken vielleicht an jemanden, der sich in Details verliert, Deadlines verpasst oder eine Aufgabe immer wieder überarbeitet, weil sie noch nicht gut genug erscheint.

Wann wird aus einem hohen Anspruch also ein Anspruch, der uns eher bremst als weiterbringt? Genau mit solchen Fragen beschäftigte sich eine Kundenveranstaltung unserer cleo-Niederlassung Offenburg. Unter dem Titel „Perfektionismus – Anspruch, Antrieb oder Belastung?“ wurde das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet: aus Kulturwissenschaft, Psychologie und Medizin. In diesem Beitrag geht es um die kulturwissenschaftliche Perspektive von Bettina Nolting.

 

Perfektion: Eigentlich geht es ums Fertigwerden

Bettina machte in ihrem Vortrag auf einen spannenden Widerspruch aufmerksam. Das lateinische Wort perficere, von dem sich „Perfektion“ ableitet, bedeutet sinngemäß vollenden oder fertigstellen. Etwas Perfektes war also vor allem eines: abgeschlossen. Unser heutiger Perfektionismus kann genau das verhindern. Wir werden eben nicht fertig. Die Präsentation bekommt noch eine Korrekturrunde. Ein Projekt wird immer wieder überarbeitet. Oder wir fangen mit einer Aufgabe gar nicht erst an, weil wir sofort an ein perfektes Ergebnis denken. Dann haben wir schnell das Gefühl, dass der erste Schritt sowieso nicht gut genug sein kann – und schieben den Anfang immer weiter vor uns her.

Wie tief dieses Denken manchmal sitzt, zeigte Bettina mit einer Geschichte aus einem Seminar. Eine Teilnehmerin sollte einen Vortrag mit dem Titel „Gut ist gut genug“ vorbereiten. Am nächsten Tag präsentierte sie jedoch voller Überzeugung einen Vortrag mit dem Titel: „Gut ist nicht gut genug.“ Sie hatte den Satz nicht bewusst verändert. Für sie schien selbstverständlich zu sein, dass „gut“ nicht ausreicht. So hatte sie die ursprüngliche Aussage unbewusst genau ins Gegenteil gedreht.

 

Hohe Ansprüche im Team: Wann sie helfen – und wann sie bremsen

Auch im Berufsleben hat Perfektionismus zwei Seiten. Natürlich wünschen sich Unternehmen Menschen, die sorgfältig arbeiten, verlässlich gute Ergebnisse liefern und Verantwortung übernehmen. Schwierig wird es, wenn genau dieser Anspruch dazu führt, dass Deadlines nicht eingehalten, Entscheidungen immer wieder aufgeschoben oder Aufgaben nicht abgeschlossen werden.

Dann wird Perfektionismus auch zu einer Führungsfrage: Wie können hohe Ansprüche helfen, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen? Wichtig ist dabei auch, klar zu sagen, wie genau eine Aufgabe erledigt werden muss. Denn bei manchen Aufgaben zählt jedes Detail, bei anderen ist es wichtiger, rechtzeitig zu einem guten Ergebnis zu kommen.

 

Müssen es immer 100 Prozent sein?

Ein Gedanke, der dabei oft hilft, ist das Pareto-Prinzip. Vereinfacht gesagt bedeutet es: Oft erreichen wir schon mit einem kleinen Teil unseres Aufwands ein sehr gutes Ergebnis. Die letzten Verbesserungen kosten dagegen häufig besonders viel Zeit und Energie. Bekannt ist dieser Gedanke als 80-20-Regel. Damit ist gemeint, dass oft schon 20 Prozent des Aufwands ausreichen, um etwa 80 Prozent des Ergebnisses zu erreichen.

Das kann helfen, Prioritäten zu setzen. Trotzdem stellte Bettina eine wichtige Frage: Sind 80 Prozent wirklich immer gut genug? Die Antwort darauf hängt von der Aufgabe ab. Bei einer Präsentation können wir vielleicht auf die zehnte kleine Änderung verzichten. Bei manchen Aufgaben ist jedoch hohe Genauigkeit einfach notwendig.

„Gut genug“ bedeutet also nicht, sich mit weniger Qualität zufriedenzugeben. Es geht darum zu erkennen, wann zusätzliche Arbeit das Ergebnis wirklich besser macht – und wann wir uns in Kleinigkeiten verlieren, die dem Gesamtergebnis kaum noch einen Mehrwert bringen.

 

Leonardo, Michelangelo und die Frage nach dem Schlussstrich

Dass dieser Konflikt nicht erst in unserer modernen Arbeitswelt entstanden ist, zeigte Bettina anhand berühmter Beispiele aus der Kunst. Leonardo da Vinci arbeitete über viele Jahre an der Mona Lisa und fand offenbar immer wieder etwas, das sich noch verändern ließ. Michelangelo wiederum war bei den Fresken der Sixtinischen Kapelle mit der Arbeit seiner Assistenten so unzufrieden, dass er große Teile selbst ausführte.

Zwei Künstler, zwei Formen eines sehr hohen Anspruchs – und eine Frage, die bis heute passt: Wann verbessert unser Anspruch das Ergebnis und wann ist es Zeit, etwas gut sein zu lassen?

 

Und was hat das mit Deinem Berufsweg zu tun?

Vielleicht kennst Du diesen Anspruch auch aus Deiner Jobsuche. Du entdeckst eine interessante Stelle und schaust zuerst auf die Anforderungen, die Du noch nicht erfüllst. Dir fehlt Erfahrung in einem Bereich? Dein Lebenslauf verlief nicht vollkommen geradlinig? Dann kommt schnell der Gedanke: „Das passt bestimmt nicht.“ Und vielleicht bewirbst Du Dich deshalb erst gar nicht.

Dabei müssen Berufswege nicht lückenlos oder geradlinig verlaufen, um zu einer offenen Stelle zu passen. Erfahrungen, Umwege und neue Richtungen gehören oft dazu. Bei cleo möchten wir Dich deshalb ermutigen, Dich nicht vorschnell gegen eine Bewerbung zu entscheiden. Manchmal ist es wichtiger, den nächsten Schritt zu wagen, als darauf zu warten, dass wirklich alles perfekt passt – und aus einer Bewerbung kann sich eine Möglichkeit ergeben, mit der Du vorher gar nicht gerechnet hast.

 

Warum mehrere Perspektiven helfen

Perfektionismus betrifft nicht nur unsere Arbeit. Er hat auch mit unserem Selbstbild, unserer Kultur und unserem Umgang mit Leistung zu tun. Genau deshalb wurde das Thema bei der Kundenveranstaltung unserer cleo-Niederlassung Offenburg bewusst aus verschiedenen Perspektiven betrachtet.

Dieser Blick aus unterschiedlichen Fachrichtungen findet sich auch in der Arbeit der MENTOR.I Stiftung wieder, deren Vorsitzende Bettina ist. Die gemeinnützige Stiftung verbindet wirtschaftliche und kulturelle Themen mit sozialem Engagement und setzt unter anderem Schwerpunkte auf Bildung, Führung und Orientierung.

Der kulturwissenschaftliche Blick zeigt: Perfektionismus kann uns dabei helfen, hohe Qualität zu erreichen – und uns gleichzeitig daran hindern, einen Schlussstrich zu ziehen. Warum es uns manchmal so schwerfällt, Fehler zuzulassen oder Dinge einfach gut sein zu lassen, betrachtet Andreas Thurau im zweiten Teil unserer Blogreihe zum Thema Perfektionismus aus psychologischer Sicht. 

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